„4x Gelände und 1x Anziehen“

Wie es Tradition ist, fuhren alle Schüler des Jahrgangs 6 am letzten Montag des Schuljahres zum Museumspark Kalkriese, dem mutmaßlichen Ort der Varusschlacht (9 n. Chr.). Und wie es Tradition ist, hatte die Organisatorin Frau Bornemann-von Oehsen „4x Gelände und 1x Anziehen“ gebucht.

„Gelände“ heißt in diesem Zusammenhang, dass jeweils zwei voneinander getrennte Klassen von ihren Führern so über das weitläufige Areal geführt werden, dass sie sich zu einer zuvor vereinbarten Uhrzeit an einem Zwischenziel treffen. Eine Klasse startet dabei als „Germanen“ und schlägt sich ins Gebüsch. Die andere Klasse startet als „Römer“ und muss erst einmal Marschformation, „Schildkröte“ und Pilumwerfen üben. Dann marschieren die „Römer“ mit mehr oder eher minder gelungener Disziplin zu einer Erhöhung, die noch aus der Zeit stammt, als die Archäologen in Kalkriese davon ausgingen, dass die Germanen an dieser Stelle eine Wallanlage erbaut hatten. Neue Funde haben vor einigen Jahren zu der Auffassung geführt, dass es sich bei dem Museumsgelände um einen Ort handelt, bei dem die Römer im Rahmen der mehrtägigen Varusschlacht ein Nachtlager aufschlugen, das dann von den Germanen überfallen wurde. Dementsprechend dient bei den heutigen Führungen besagte Erhöhung als Ort des Zusammentreffens von „Römern“ und „Germanen“. Gerade haben die „Römer“ ihren wertvollen Legionsadler aufgestellt, als die „Germanen“ aus dem Hinterhalt stürmen. An dieser Stelle beginnt für die Führer der vielleicht anspruchsvollste Teil ihrer Aufgabe: die zuvor angefeuerte Energie herunterzufahren, wieder Ruhe in das Tohuwabohu zu bringen und den Schülern deutlich zu machen, dass hier vor 2.000 Jahren halt kein unbeschwertes Kinderspiel vonstatten ging, sondern dass hier ein blutiger Krieg tobte, der mit Tausenden von Toten endete. Hier den richtigen Ton zu treffen, ist schwer, zumal wenn die Sonne scheint und man vor 50-60 Sechstklässlern steht, die kurz zuvor richtig Spaß hatten.

Nach dem ernsten Part tauschen die beiden Klassen die Rollen: Die „Römer“ verbringen den Rest der Führung als „Germanen“ und umgekehrt, um beide Seiten kennenzulernen. Wie viele Kriege im Großen und im Kleinen wären vermeidbar (gewesen), wenn dieses simple Prinzip stärker verbreitet wäre: mal die Perspektive wechseln, mal auf Augenhöhe die Sichtweise des anderen zur Kenntnis nehmen oder, wie der Engländer sagen würde, to walk in someone else’s shoes for a while.

Ein Besuch im Museum rundet die Führung ab und v.a. an der „Knochengrube“ und an dem „Kugelmodell“ wird es noch einmal sehr ernst; denn die Grundbotschaft von Kalkriese lautet: „Nie wieder Krieg!“

Aus diesem Grund ist der Museumsbesuch auch beim Programm „Anziehen“ enthalten. Im zweiten Teil geht die Klasse dann nicht ins Gelände, sondern in einen „Umkleideraum“, in dem Schüler als Römer und Römerin bzw. Germane und Germanin verkleidet werden. Auch hier geht es also um den Versuch, die Perspektive zu wechseln, indem man buchstäblich in den Schuhen eines anderen herumläuft. An dieser Stelle sei den Führern Dank und Anerkennung ausgesprochen. Immer wieder gelingt es ihnen, in einer Mischung aus Spaß und Ernst die Führung zu einem eindrucksvollen Erlebnis zu machen … und das in Stoßzeiten täglich mit mehreren Gruppen hintereinander; denn pro Jahr besuchen ca. 1.000 Schulklassen den Museumspark und nicht jeder Schüler weiß sich angemessen zu benehmen. Unsere „Römer-Germanen“ inspizierten abschließend gutgelaunt den Museumsshop und viele sah man mit einem kleinen Andenken an diese gelungene Exkursion aus dem Gebäude kommen. Dort warteten die Busfahrer bereits und auf ging’s nach Hause.

Text: Maria Schmutte, Fotos: Sylvia Bartz, Maria Schmutte, Heike Weiß, Collage: Maria Schmutte